Athen

Februar 2016. Ein klarer, blauer Himmel. Der Morgen ist frisch, aber es würde warm werden im Laufe des Tages, sehr warm. Wie Feodor und seine Künstlerkollegen vor über 200 Jahren mache ich mich auf den Weg zur Akropolis. Betrachtet man die Zeichnungen des Iren Edward Dodwell, ging Anfang des 19. Jahrhunderts der Pfad hinauf zum Tempelplateau quer über den nackten Felsen. Kein Baum, kein Strauch, die Schatten spendeten.

Das alte Athen

Relieffiguren und Figurengruppen, die Feodor zwischen 1800 und 1803 in Athen gezeichnet hat. Seine Arbeiten – ungefähr 100 Bilder – liegen heute im British Museum, London.

Detail einer Parthenonmetope
Detail einer Parthenonmetope
Figuren am Turm der Winde
Figuren am Lysikratesdenkmal

Das malerische Anafiotika mit seinen weißgetünchten Häuschen und verwinkelten Gässchen am Rande der Athener Altstadt Plaka gab es zu jener Zeit noch nicht.

Die Akropolis. Einerseits eine Großbaustelle, ein Ruinenfeld, nur vereinzelt noch Marmorreliefs, Metopen.

Die meisten Originale befinden sich im British Museum in London – Lord Elgin lässt grüßen! – und im 2009 neu gegründeten Athener Akropolismuseum. Andererseits ein überwältigendes Gefühl, hier oben zu stehen. 2500 Jahre Geschichte und Baugeschichte. Dazu ein erhabener Blick übers Land.

Hier also hat Feodor monatelang gearbeitet, vor den Propyläen, dem Erechtheion, am Niketempel, auf dem Parthenon …

„Da saß er dann in schwindelerregender Höhe vor den Relieffiguren auf den Platten von Fries und Metopenband, die unbekannte Bildhauer vor über zweitausend Jahren aus Marmorblöcken herausgeschlagen hatten, fast alles Szenen aus der griechischen Götterwelt. Sein Malerbrett mit Papierbögen auf den Knien, das Skizzenbuch griffbereit daneben, copirte Feodor die Szenen ohne perspektivische Verzerrungen, wie dies der Fall gewesen wäre, wenn er vom Boden aus hätte zeichnen müssen. Friedlich ist es hier oben.“

Am Abend esse ich an dem kleinen Platz in Plaka, wo einmal das Kapuzinerkloster gestanden hat, in dem Feodor und seine Künstlerkollegen untergekommen sind. Heute verraten nur noch ein paar Mauerreste von dessen früherer Existenz sowie das Lysikratesmonument, dessen Fries Feodor abzeichnete. Eine Katze streicht um meine Beine, maunzt.

Alle Fotos: Petra Reategui

Feodors Romjahre

Ich bilde mir ein, dass die neun Jahre, die Feodor in Rom verbracht hat, die glücklichsten seines Lebens gewesen sind. Ich kann nur eine Woche dort sein, aber diese Woche ist randvoll mit Eindrücken.

In der Galleria Borghese

Der Taxifahrer, der mich vom Flughafen zum Hotel bringt, hört nicht mehr zu reden auf. Kaum hat er gemerkt, dass ich ein bisschen Italienisch spreche, sprudelt es schon aus ihm heraus: wie schön doch Rom sei, viel schöner als Paris. Was habe Paris denn schon zu bieten? Ein 2000 Jahre altes Colosseum etwa? Oder denken Sie nur an die antiken Tempel, Signora, an die Säulen, das Forum. Paris hat doch nichts Vergleichbares, gut, Notre Dame, die Champs-Élysées, das ist ja alles sehr schön, aber Rom ist schöner … Sehen Sie hier, die Trajanssäule, Piazza di Spagna, Via del Corso. Und gehen Sie hinunter zum Tiber, wandern Sie am Ufer entlang, gehen Sie hinein nach Trastevere … Ich darf das sagen, Signora, verteidigt er sich, ich bin nicht aus Rom, ich komme aus Puglien, aber ich lebe seit 15 Jahren hier. Ich habe viel gesehen, aber keine Stadt ist so schön wie diese.

Friedrich Noack schreibt in seinem Buch „Deutsches Leben in Rom 1700 bis 1900“, dass Feodor zunächst im Palazzo Zuccari in der heutigen Via Sistina 64 gewohnt habe, dann mit Friedrich Weinbrenner zusammen in der Via Babuino und schließlich von 1795 bis 1799 in der Via Margutta.

Eindrücke von der Via Margutta in Rom heute

Alle Fotos: Petra Reategui
In der Galleria Borghese

Er setzt mich vor meinem Hotel ab. Von hier sind es nur ein paar Schritte zur Via Margutta, in der Feodor zeitweilig gewohnt haben soll. Sie verzaubert mich sofort, die schmale Straße im alten historischen Künstlerviertel nahe der Piazza del Popolo. Seit Jahrhunderten scheinen die Häuser unverändert. Da keine Nummer überliefert ist, nehme ich mir die Freiheit, mir eines auszusuchen und entscheide mich für ein hohes, mehrstöckiges Gebäude mit einer zur Straße geschlossenen, schützenden Fassade. Das Eingangsportal steht offen. Neugierig steige ich die steinerne Treppe empor, die zu einem Gewimmel von Wohnungstüren führt, zu einem hochgelegenen Hinterhof, zu Gängen, weiteren Treppen und Treppchen, kleinen Balkonen und terrassenähnlichen Plätzchen. Hier und da ein Brunnen und jede Menge Grün, Veilchen, Farne, Palmgewächse. Ich habe Feodors Bleibe gefunden; auch ich kann mir vorstellen, hier zu wohnen und zu schreiben.

In einer kleinen Taverne trinke ich das erste Glas Wein auf römischem Boden.
(Aus meinen Reisenotizen)

Feodor verließ Rom im Dezember 1799, um mit einer Gruppe von Künstlern im Auftrag des britischen Lord Elgin nach Athen zu reisen. Und so fliege ich ein paar Wochen später ebenfalls nach Griechenland.

Das Caffè Greco – alle deutsch-römischen Künstler haben hier ihren Kaffee getrunken.

… und weiter geht die Reise

Feodor ist bestimmt nicht gefragt worden, ob er nach Deutschland wollte. Ein Page wird nicht gefragt, was er möchte; ein Page gehört der Herrschaft. Und so kommt Feodor mit ungefähr acht Jahren über das zaristische St. Petersburg an den Karlsruher Hof.

Das Karlsruher Schloss

Aber Markgraf Carl Friedrich, ein aufgeklärter Fürst, tut etwas sehr Kluges: Er entlässt das Kind aus dem Pagendienst und schickt es im Sommer 1776 an eine für die damalige Zeit außerordentlich fortschrittliche Schule, an das Philanthropin im Schloss Marschlins in Graubünden.

Ich versuche, mich an Feodors Stelle zu versetzen. Was geht wohl in ihm vor, während er gemeinsam mit drei anderen badischen Zöglingen und einem Erzieher in der harten unbequemen Postkutsche sitzt und draußen die Landschaft an ihm vorüberzieht? Ist die Reise für ihn ein Abenteuer, oder hatte er Angst vor dem, was auf ihn zukommt?

Langsam rücken sie näher, die verschneiten Gipfel. Fast bedrohlich wirken sie auf den, der sie zum ersten Mal sieht. Und die Kutsche rollt. Noch malt Feodor nicht. Er wird auch als Erwachsener keine Landschaften malen oder zeichnen.

Er wird Menschen aufs Papier bringen, seinen Freund Weinbrenner, den späteren badischen Oberbaudirektor, auf einer Leiter balancierend, andere beim Malen oder in einer Taverne. Er wird Gesichter festhalten, Trachten. Der Faltenwurf der Kleidung, die Knicke in den Kniebeugen der Hosen sind genauso prächtig gefältelt wie das Bergmassiv, das er von Schloss Marschlins aus von nun an jeden Tag sehen wird.

Auf dem Weg ins Hinterrheintal

Es ist nicht mehr weit bis zum Schloss. Noch schwingen sich keine Elektrokabel von Pfeiler zu Pfeiler durch das Land, noch gibt es keine Windräder. Aber der Fluss, an dem sie jetzt entlangfahren, ist der gleiche, den er in der Nähe von Karlsruhe gesehen haben dürfte: Der Rhein, er kommt von dieser Gegend, wird der Erzieher den jungen Zöglingen erklären.
(aus meinen Reisenotizen)

Ich weiß nicht, ob die Postkutsche die kleine Gesellschaft bis zum Schlosseingang gebracht hat. Wahrscheinlich nicht. Ich vermute, dass die Kinder die letzte Strecke, vielleicht ab Landquart, zu Fuß gehen mussten. Mir hat ein alter Mann den Weg gezeigt: Immer dort entlang, bis zum Waldrand, Sie werden es dann schon sehen. Und so ist es, plötzlich liegt Schloss Marschlins vor mir, unverkennbar mit seinen vier Türmen, an jeder Ecke einer. Am nächsten Tag werde ich im Staatsarchiv Graubünden sitzen, in die untergegangene Welt des Philanthropins eintauchen, Feodor beim Lernen und Spielen begleiten und von einem Mord lesen, der den Jungen erschüttert haben dürfte.

Schloss Marschlins nördlich von Chur | Alle Fotos: Petra Reategui

1791 wird Feodor noch einmal in die Schweiz kommen. Vielleicht besucht er alte Freunde und Bekannte, bevor er dann aber neugierig und gespannt sich weiter auf den Weg nach Rom macht.

Hofmaler – Recherche die Erste

War es Zufall oder musste es so sein?
Ich hatte einige Jahre zuvor die Mongolei bereist, hatte in Gers, in Jurten, übernachtet, den Männern beim Tränken der Schafe an den Brunnen zugeschaut, den Frauen beim Melken ihrer Kamele.

– Gibt es große Unterschiede zwischen den traditionellen Lebensweisen von Mongolen und Kalmücken, fragte ich jetzt, wo ich Feodor nachzuspüren versuchte, eine junge Kalmückin, die ich in Deutschland traf.

– Nein, meinte sie, was du dort gesehen hast, wird dir helfen, das Buch über den Kalmücken Feodor zu schreiben. Und ich erinnere mich …

Geruch wie von wildem Thymian im unendlich weiten Land, am Horizont die dunstige Silhouette der Berge. Manchmal kommen sie näher, manchmal rücken sie vor den Reisenden zurück. Über uns der hohe Himmel von stählernem Blau, nur hin und wieder Wolkenungeheuer, weiße Wolken, graue Wolken, graublaue. Wolken über grünen Kuppen ohne Bäume, über steinigen Hängen ohne Sträucher. Wolken, aus denen der Regen fällt, der Hagel. Dann bricht wieder die Sonne durch. Ein Regenbogen reckt sich hinter der Bergkette empor. Und noch einer, leuchtend spannen sie sich über die eine Hälfte des Himmels, verblassen und erreichen weit weg auf der anderen Seite die Ebene. Hinter den Gers spielen Kinder; die Schafsknöchelchen klickern und klackern, wenn sie aneinanderprallen.
(Aus meinem Reisetagebuch)

Die Kalmücken – das einzige buddhistische Volk Europas

Die Kalmücken sind ein westmongolisches Volk, das seit Jahrhunderten westlich der Wolga auf europäischem Boden traditionell als Nomaden lebten und wie andere mongolische Völker tibet-buddhistischen Glaubens sind.
Die heutige Kalmückische Republik oder Kalmückien gehört zu Russland, Hauptstadt ist Elista mit rund 105.000 Einwohnern.

Der Große Tempel in Elista
Der Alte Weiße Mann

So stelle ich mir vor, dass auch Feodor, das kalmückische Nomadenkind, zwischen den Gers mit Freunden gespielt hat. Bis das Spiel eines Tages vorbei war, und Feodor auf eine lange Reise mitgenommen wurde. Unfreiwillig.

Schafsknöchelchen zum Spielen | Fotos: Petra Reategui

Il profumo rubato

Il profumo rubato

Le misteriose origini dell’Eau de Cologne
emons: gialli tedeschi 2018
Traduzione: Anna Carbone
ISBN 9783740804886

Euro 13,50

Colonia 1737. Il geniale inventore del profumo detto Aqua mirabilis Giovanni Paolo Feminis e sua figlia muoiono a pochi mesi l’uno dall’altra. Paolo Luciano Dalmonte, loro amico e conterraneo, assieme alla comunità di famiglie italiane che vivono da tempo a Colonia, non si danno pace, agitati da un tremendo sospetto. Fra loro c’è anche un giornalista della Gazette de Cologne, che una notte resterà vittima di una brutale aggressione dopo aver lanciato pubblicamente pesanti accuse contro Giovanni Maria Farina, produttore di una fragranza molto simile. Nel frattempo la fiorente ditta di spedizioni di Dalmonte è bersagliata da una serie di furti insoliti che mettono in fuga i clienti e insospettiscono Anna, giovane contabile e braccio destro dello spedizioniere: sarà lei a correre ai ripari cominciando a indagare…

Si chiama Eau de Cologne, ma l’origine di questo profumo non è né francese né tedesca: a inventarlo furono infatti due italiani originari della Valle Vigezzo, terra dura, di spazzacamini, che partirono ragazzi per la Germania e fecero fortuna producendo quella che in origine si chiamava Aqua mirabilis.

»Il profumo dell’Aqua mirabilis le pungeva ancora le narici. Neroli! Bergamotto! Forse anche un poco di lavanda?«

Se volete saperne di più (in tedesco)

Spazzacamini di molti paesi europei a Santa Maria Maggiore nella Valle Vigezzo durante uno degli famosi raduni internazionali dello spazzacamino

Weinbrenners Karlsruhe

Karlsruher Münzstätte
(Foto: Petra Reategui)

“Wer in Karlsruhe aufgewachsen ist, hat den Namen Weinbrenner mit der Muttermilch aufgesogen.”

So hat es mir einmal eine Frau erzählt, die ich bei einer meiner Recherchen vor Ort kennengelernt habe.

Auch mir war Weinbrenner in meiner Schulzeit allgegenwärtig. Bei meinen häufigen Besuchen in der Stadtbücherei, die damals noch am Marktplatz lag. Beim Anblick der Pyramide, des Rathauses und der Evangelischen Stadtkirche. Und wieder auf dem Nachhauseweg, wenn ich an der Staatlichen Münze in der Stephanienstraße vorbeikam. Ich habe dieses Weinbrenner-Gebäude mit seiner warmen Sandsteinfassade schon als Kind gemocht.

Der Karlsruher Architekt und Stadtplaner Friedrich Weinbrenner (1766 – 1826) und seine Bauten sind nicht das Einzige, das mir von meiner Heimatstadt in bleibender Erinnerung ist. Unvergesslich sind die Spaziergänge zum Schloss, vorbei am großen Teich mit Karpfen „Oskar“, die Fahrradtouren durch den Hardtwald, die imposante Stephanskirche, der Ludwigplatz mit seinem bunten Treiben rund um den Weinbrenner-Brunnen und das ehemalige „Krokodil“ an der Ecke Blumenstraße, in das meine Großmutter, die in eben diesem wundervoll stuckverzierten Haus wohnte, mich manchmal nach der Schule zu Bratwürschtle mit Rotkraut einlud. Und an fast jeder Straßenecke in der Innenstadt war – und ist natürlich noch immer – der Schlossturm zu sehen.

Und dann gab es da noch das Dörfle. Es fing irgendwo hinterm Marktplatz an, aber ein unausgesprochenes Familiengesetz, wahrscheinlich stillschweigend von Generation zu Generation weitergegeben, hielt mich davon ab, jemals dorthin zu gehen. Mein Kinder-Karlsruhe reichte immer nur von der Weststadt bis zur Pyramide. Doch eines Tages war das Dörfle verschwunden, zumindest jenes, das zu betreten in meiner Jugend Mütter ihren Töchtern verboten hatten. Jetzt gibt es ein „bereinigtes“ Dörfle, durch das wohlbehütete junge Mädchen aus gutem Hause bummeln können, ohne dass ihr Ruf in Gefahr gerät. Mit der Flächensanierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwanden etliche Straßen, Gassen und dunkle Winkel, eine

breite Verkehrsachse wurde rüde durch das alte Viertel gebrochen, und doch kann der Besucher noch hier und da kleine Häuser, Straßenzeilen, Plätze und Ecken entdecken, die eine Ahnung von früher vermitteln. Von der Zeit der Barbara Hemmerdinger aus meinem Roman, als diese mitnichten immer nur die viel gepriesene gute, alte war.Vielleicht waren diese Veränderungen der Grund, dass ich ein Buch schreiben wollte, das in Karlsruhe spielt und von den Menschen erzählt, die einmal in dieser Stadt gelebt und sie geprägt haben. Allen voran von Weinbrenner, dem leidenschaftlichen Baumeister, der Bewunderung hervorrief, aber auch aneckte. Von Zeitgenossen wie den fast vergessenen Hofmaler Feodor Iwannoff, genannt Kalmück, und Sophie Reinhard, von Tulla, der den Rhein begradigte, und Drais, dem wir den Vorläufer des Fahrrads verdanken. Und eben vom Dörfle und seinen Bewohnern.

Karlsruhe ist ein junge Stadt. 2015 feierte sie ihren 300. Geburtstag. Vieles, insbesondere das Schloss und seine Umgebung, erstrahlt seither in neuem Glanz. Gehen Sie auf Entdeckungstour, es lohnt sich.

..UND WIE WAR DAS NUN MIT DEN HASEKÜCHLE UND DER REHKEULE?

In „Weinbrenners Schatten“ wird viel und gern gegessen, mal raffiniert, mal einfacher. Aber alle Rezepte lassen sich leicht und ohne besonderen Aufwand nachmachen. Kochen Sie, wie Weinbrenners Haushälterin Apolone und Marie, die Köchin vom Goldenen Füllhorn in der Waldhorngasse, gekocht haben! Zum Beispiel:

Schweinebraten mit
»Nägelein und Citronen«

Würzen Sie ein schönes Stück Schweinebraten, zum Beispiel von der Keule oder aus der Schulter (circa 650 Gramm), mit Salz und Pfeffer. Erhitzen Sie in einem Bratentopf ein gutes Stück Butter, braten Sie das Fleisch von allen Seiten kurz an, geben dann klein geschnittene Zitronen (ohne das weiße Fleisch der Schale, gern aber mit etwas abgeriebener Schale) und 4 »Nägelein« (Nelken) hinzu und streuen einen halben Suppenlöffel fein gesiebtes Mehl darüber. Verschließen Sie den Topf mit einem Deckel und lassen Sie das Fleisch bei kleiner Hitze schmoren. Wenn das Fleisch fast gar ist (nach circa 45 Minuten), geben Sie ein Glas Weißwein dazu und lassen alles noch einmal 15–20 Minuten weiterköcheln.

Ist auch am Tag danach noch ein Gedicht.

Am Lidellplatz

Noch mehr historische Rezepte finden Sie im Anhang des Buchs.

GUTEN APPETIT!

Die Entstehung der Moselhochzeit

Münstermaifeld (Foto: Helga Müller-Schwartz)

Recherchen mit einem Gläschen in Ehren

Die Recherche für einen historischen Roman ist alles andere als eine staubtrockene Angelegenheit. Gut, ich habe unzählige Bücher zum Thema gelesen und stundenlang in Archiven gesessen, um alte Dokumente zu studieren. Aber dann bin ich aufs Maifeld und habe dort mit den Menschen gesprochen.

Mit Werner, Karl und Adolf über die Feldarbeit, über Winter- und Sommergetreide, über Aussäen und Ernten, Dengeln, Mähen und Kasten. Sie erzählten mir, wie sie heute arbeiten, und wie ihre Großeltern schuften mussten, als die Mechanisierung der Landwirtschaft noch in den Kinderschuhen steckte. Von Erika lernte ich, dass Krebbelcher keine süßen Krapfen sind, sondern Reibekuchen, Kartoffelpuffer. Mit Lukas besuchte ich den Hof, in dem Joseph damals gelebt hatte, und Reinhold und Alois erklärten mir geduldig, wer auf dem Maifeld mit wem verschwippt, verschwägert, verheiratet oder sonst wie liiert ist und war.

(Foto: Helga Müller-Schwartz)
Tugendpfeil (Foto: Alois Esch)

Und dann zeigten sie mir „Familienschätze“, wie man sie heute fast nur noch in Museen findet – wenn überhaupt: den Hochzeitskranz der Großmutter, Grabschmuck, den man früher zu Allerheiligen auf die Gräber legte, und den Tugendpfeil, den unverheiratete junge Mädchen im Haar trugen und der in „Moselhochzeit“ eine nicht unwichtige Rolle spielt.

Das waren bei weitem nicht alle, mit denen ich redete. Ich kann gar nicht jede und jeden aufzählen, so viele waren es. Oft kamen wir bei Kaffee und Kuchen vom Hölzchen aufs Stöckchen, hier gab’s einen kleinen Hefebrand dazu, dort ein Glas Wein, langweilig war es nie, staubtrocken schon gar nicht. Und Freundschaften sind entstanden.

Ich danke Euch allen dafür.

Filzengraben – Geschichtliche Hintergründe

Hintergründe zum historischen Roman „Filzengraben“

Seit vielen Jahren wird im italienischen Vigezzotal jedes Jahr am ersten Wochenende im September das Fest der spazzacamini, Schornsteinfegerfest gefeiert.

Dann ziehen Hunderte von Schornsteinfegern und Schornsteinfegerinnen aus ganz Europa und zum Tal von Übersee durch das kleine Alpenstädtchen Santa Maria Maggiore und die Nachbargemeinden.

Es wird gegessen und getrunken, gelacht und getanzt. Von überall her ertönt Blasmusik. Die spazzacamini und spazzacamine tragen, ganz traditionsbewusst, ihre schwarze Berufskleidung, die goldenen Jackenknöpfe blitzen. Die weißen, roten, blauen oder gelben Halstücher sind Farbtupfer in der gleißenden Herbstsonne.

Viele Frauen, Italienerinnen aus dem Tal, sind wie in alten Zeiten in farbenfrohe Mieder gekleidet, mit weißen Blusen und bunten Röcken, die bis zum Boden reichen.

Vieni, spazzacamino, komm, küss mich! So viel Glück auf einmal! Die schwarzen Gesellen aus Bayern haben sich Hände und Gesichter mit Kohle angemalt, küssen und umarmen jede und jeden, der sich nicht retten kann. Ganz Santa Maria Maggiore läuft mit schwarz verschmierten Gesichtern herum.

Das fröhliche Fest erinnert an die Generationen von Schornsteinfeger, oft genug kleine Kinder, die vom 16. Jahrhundert bis weit nach dem Ersten Weltkrieg gezwungen waren, aus diesem Tal auszuwandern, um in Genua, Mailand oder Turin, in der Schweiz, in Frankreich, Deutschland, Österreich oder in den Niederlanden die Kamine zu reinigen. Damit sie und ihre Familien überlebten. Denn in den kargen Alpentälern war das Leben hart und der Hunger ständiger Begleiter. Und nicht nur Schornsteinfeger mussten sich in der Fremde verdingen, auch Maurer, Krämer, Kesselflicker und Terrazzomacher, aber auch Musiker, Architekten, Stukkateure und Kaufleute suchten ihr Glück in nördlicheren Regionen. In Paris, in Basel, entlang des Rheins, in Frankfurt, Köln, Düsseldorf. Viele blieben und ließen ihre Familien nachkommen, oder sie heirateten in der neuen Heimat. Übrigens stammten noch bis ins 20. Jahrhundert hinein viele Schornsteinfegerfamilien zwischen Rhein und Mosel von diesen frühen italienischen Einwanderern ab.

(Alle Fotos: Petra Reategui)

Falkenlust – Wie es angefangen hat

Foto: Petra Reategui

Oktober 1995. Ein strahlender Herbsttag. Mit dem Rad fahre ich den Rhein entlang von Köln Richtung Wesseling, als ich am Wegrand ein Kreuz aus hellem Trachyt bemerke. Ich halte an, um die Inschrift zu lesen. Mir wird unheimlich.

Ich beginne nachzuforschen, in der Stadtverwaltung, im Personenstandsarchiv von NRW in Brühl, schließlich im Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf. Und werde fündig. Am 8. Januar 1997 stoße ich in einer dicken, nach abgestandenem Staub riechenden Akte aus dem 18. Jahrhundert auf ein Schriftstück mit dem Namen des Toten vom Kreuz. Sehr viel mehr aber kann ich nicht mehr lesen, das Dokument ist in der alten deutschen Kurrentschrift verfasst.

Ich lasse mich nicht entmutigen. Wochenlang brüte ich nun Abend für Abend über den Fotokopien des Papiers, folge den Begründungen des nicht genannten Schreibers, der auf sechzehn Seiten seine Ansichten über den Mordfall darlegt. Als ich das letzte Wort in unsere heutige lateinische Schrift transkribiert, den letzten Satz in den Computer getippt und das Dokument zugeklappt habe, köpfe ich eine Flasche Schampus und trinke auf „meinen“ Toten. Er ist mir inzwischen ans Herz gewachsen, und manchmal halte ich stumme Zwiesprache mit ihm.

Quelle Akte: „LAV NRW R Kurköln III Nr. 255, Blatt 386“

Foto: Petra Reategui